Turteltaube (Streptopelia turtur)

Foto: Michael Wimbauer / www.naturgucker.de

Die Turteltaube ist Vogel des Jahres 2020  

Turteltaube steht für Glück, Liebe und Frieden. Ihre Lebensbedingungen sind allerdings weniger romantisch: Seit 1980 sind fast 90 Prozent ihrer Bestände in Deutschland verloren gegangen. Was der kleinen Taube fehlt, sind geeignete Lebensräume wie strukturreiche Wald- und Feldränder. Besonders durch die industrielle Landwirtschaft haben sich die Bedingungen für die Turteltaube verschlechtert.

Doch auch ein zweiter Punkt bedroht die Turteltaube. Als einzige Langstreckenzieherin unter unseren Tauben verbringt sie ihren Winter in Afrika. Doch durch illegale und legale Jagd ist sie auf ihrem Zugweg massiv gefährdet. Allein in der EU werden jährlich rund zwei Millionen Turteltauben getötet. Mit einer Petition wollen wir Bundesumweltministerin Svenja Schulze dazu auffordern, sich bei der EU für einen Jagdstopp einzusetzen.

 

 

 

 

Turteln im Brutgebiet

Zwischen Ende April und Mitte Mai kommen die Turteltauben in ihre Brutgebiete zurück und beginnen mit der Balz. Männchen und Weibchen versuchen beide, sich ins rechte Licht beim möglichen Partner zu rücken. Von einem erhöhten Punkt aus fliegt die Taube steil auf, gleitet dann in einem Bogen zur Sitzwarte und imponiert dabei mit ihrem abwechslungsreichen Gefieder. Gefällt der Partnerin oder dem Partner diese „Flugschau“, baut das frischgebackene Pärchen ein flaches Nest aus Zweigen ins Gebüsch. Die beiden Turteltauben bleiben sich über die gesamte Brutsaison treu, welche in Deutschland bis Ende August dauert.


Bis in den Juli hinein legt das Weibchen zwei Mal je zwei Eier, nur selten brüten die Tauben auch ein drittes Mal. Die Brutzeit dauert 13 bis 16 Tage. Nach dem Schlüpfen werden die jungen Küken 18 bis 23 Tage lang liebevoll von beiden Eltern umsorgt. Turteltauben verteidigen kein eigenes Revier, sondern nur den unmittelbaren Neststandort. Die Jungen werden zum Ende ihres ersten Lebensjahres geschlechtsreif.

 

Viele Wege führen nach Süden

Turteltauben sind die einzigen Langstreckenzieher unter den Taubenarten Mitteleuropas. Sie verlassen zwischen Ende Juli und Anfang Oktober Europa, um südlich der Sahara zu überwintern. Wie auch die Langstrecken ziehenden Mauersegler und Neuntöter verbringen sie den überwiegenden Teil des Jahres auf dem Zug und im afrikanischen Überwinterungsgebiet.

Beringungsdaten deuten darauf hin, dass es drei Hauptzugrouten für europäische Turteltauben gibt. Mehr als zwei Drittel der in Frankreich, Deutschland und Großbritannien brütenden Vögel folgen der westlichen Zugroute über Gibraltar. Brutvögel aus dem östlichen Mitteleuropa fliegen zentral über Italien und Malta oder nutzen die östliche Zugroute über den Balkan.

 

Leistungsfliegerin

Auf dem Herbstzug liegen anstrengende Reise-Etappen vor den kleinen Tauben, deshalb legen sie zum Beispiel vor der Querung des Mittelmeers Pausen ein. Auf afrikanischer Seite übernachten sie dann gern in Akazienwäldchen in Wassernähe, bevor sie mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde bis zu 700 Kilometer nonstop über Sandwüsten durch die Nacht fliegen. Turteltauben bleiben nicht nur ihrem Brutgebiet treu, sondern kehren anscheinend auch in angestammte Überwinterungsgebiete zurück. Das zeigen in Frankreich mit Sendern ausgestattete Vögel, die in Gambia wiedergefunden wurden.

Im Gegensatz zum nächtlichen Herbstzug fliegen die Tauben im Frühling tagsüber zurück in die Brutgebiete Europas. An wichtigen Rastplätzen wie dem Senegaldelta auf der Westroute versammeln sich mitunter viele Tausend Vögel, um dort Reserven für den kräftezehrenden Heimflug aufzubauen.

 

Vegane Kost

Schon während der Brutzeit suchen Turteltauben in Grüppchen nach Nahrung – vor allem an Ackerrändern sowie auf Lichtungen mit offenem Boden und manchmal auch zusammen mit anderen Taubenarten. Sie ernähren sich fast ausschließlich vegan und bevorzugen dabei Wildkräuter- und Baumsamen, wie von Kiefern und Ulmen, die sie vom Boden pickt.

Unserem Jahresvogel schmecken Samen von Klee, Vogelwicke, Erdrauch, Wolfsmilch sowie Leimkraut, die Landwirte nicht auf dem Feld haben wollen. Deshalb hat sich die Nahrungszusammensetzung der Tauben seit den 1960er Jahren verändert. Der Anteil von landwirtschaftlichen Sämereien macht nun in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets mehr als die Hälfte der Nahrung aus statt 20 Prozent wie früher. Vor allem nach der Brutzeit fressen sie vermehrt Sonnenblumenkerne, Raps- und Weizensamen.

 

Taubenarten und -gattungen

Weltweit gibt etwa 300 Taubenarten aus 42 Gattungen, die jedoch mehrheitlich in den Tropen beheimatet sind. In Deutschland leben nur die Gattung Columba mit drei heimischen Arten und die Gattung Streptopelia mit zwei heimischen Arten, darunter unser Jahresvogel.

 

Ursprüngliche Lebensräume

Ursprünglich lebte die Turteltaube vor allem in Auwäldern und an Waldsäumen sowie Lichtungen. Die bevorzugten Lebensräume der Turteltaube liegen heute entweder in der vom Menschen genutzten Kulturlandschaft oder in lichten Wäldern mit Unterwuchs. Große Sträucher wie Hasel, Weißdorn oder Holunder nutzt sie zum Brüten. Aber auch im Unterbau von Nadelwäldern oder in jungen Laubbäumen lässt sie sich gern zum Nestbau nieder. Neben Waldrändern dienen ihr auch große Hecken und Streuobstwiesen als Versteck oder Brutplatz.

In landwirtschaftlich geprägten Gebieten ist ein Mix offener, kultivierter Flächen mit Wasserstellen für die Nahrungssuche ideal. Solche natürlichen Lebensräume sind in unserer intensiv genutzten Landschaft heute rar. Früher habe man ihr markantes Gurren an jedem Dorfrand oder Flussufer gehört, erzählen ältere Menschen. Wildkräutersamen an Feldwegen und die Feldfrüchte aus Zwischensaaten boten ausreichend Nahrung. Inzwischen sind viele Auwaldbereiche, Feldgehölze und Ackersäume verschwunden.

 

Vielerorts zuhause

Doch ist die Turteltaube durchaus anpassungsfähig. Bedeutende Brutvorkommen in Deutschland finden wir inzwischen auf ehemaligen Truppenübungsplätzen oder in Abbaugebieten von Kies und Kohle, wo sich Pionierwälder aus Birken, Kiefern oder Zitterpappeln die geschundene Natur zurückerobern.

Die europäische Population der auch bei uns heimischen Unterart Streptopelia turtur turtur erstreckt sich von den Britischen Inseln und der Iberischen Halbinsel im Westen bis nach Kasachstan im Osten. Sie besiedelt dabei passende Lebensräume vom Nordrussischen Tiefland über die Osteuropäische Ebene bis zum Mittelmeer.

Es gibt drei weitere Unterarten der kleinen Taube, wovon S. t. arenicola in Marokko und Libyen sowie vom Irak bis West-China vorkommt. Tauben der Unterart S. t. hoggara leben in Süd-Algerien und im Tschad. S. t. rufescens finden wir im Nildelta sowie in den Wüstenoasen Libyens und Ägyptens. In den afrikanischen Überwinterungsgebieten vermischen sich die Unterarten auch.

 

Täler bevorzugt

Die Turteltaube besiedelt in Deutschland vorwiegend Tiefebenen bis 350 Metern über Meereshöhe, sucht sich bei trocken-warmem Klima aber auch in 500 bis maximal 900 Metern Höhe ein Zuhause. In Süddeutschland treffen wir sie deshalb vor allem in den Flusstälern. Die größten Bestände leben im Wendland, in der Altmark und in Rheinhessen. Nur sehr vereinzelt gibt es Turteltaubenpaare in Schleswig-Holstein. >Familientreffen in Afrika

Im Spätsommer verlassen Turteltauben ihre europäischen Brutgebiete. Die Winterquartiere liegen in und südlich der Sahelzone – einem vegetationsarmen Trockengürtel südlich der Sahara, der etwa zehn Staaten umfasst. Dort gibt es Akazienwälder und Buschland mit Savannengräsern, die den Lebensraumansprüchen der Turteltauben gerecht werden. Ihre Überwinterungsgebiete reichen vom westlichen Senegal bis Äthiopien im Osten Afrikas.

 

Bestand halbiert

In den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Turteltaube weit verbreitet und sehr häufig zu sehen, vermutlich erreichten ihre Bestände um diese Zeit ihr Maximum. Seitdem geht es jedoch stetig abwärts – mit nur einer Ausnahme Anfang der 1990er Jahre. Die erst 2019 veröffentlichten offiziellen Zahlen zum Zustand der Vogelpopulationen in Deutschland offenbaren Dramatisches für die Turteltaube. Demnach liegt ihr Bestand in Deutschland nur noch zwischen 12.500 und 22.000 Brutpaaren. Bis 2009 war er doppelt so hoch.

Dieser starke Rückgang ist seit 1992 für jedes einzelne Flächenbundesland zu verzeichnen. Ganze Landstriche in Vorpommern und an der nördlichen Mittelgebirgsgrenze werden nicht mehr von Turteltauben besiedelt. Bei der letzten Aktualisierung der Roten Liste in Deutschland ist der inzwischen seltene Vogel von Kategorie 3 auf 2 (stark gefährdet) gesprungen.

 

Global gefährdet

Die Turteltauben-Bestände sind in den meisten europäischen Ländern seit den 1970er Jahren rückläufig und nahmen seit 1980 um 79 Prozent ab. Heute brüten in Europa 3,2 bis 5,9 Millionen Paare, wobei Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien innerhalb der EU die meisten Turteltauben beherbergen. In Großbritannien hingegen ist die Art mit einem Rückgang von 94 Prozent fast ausgestorben.

Und die Turteltaube hält leider noch einen traurigen Rekord: Sie ist der erste vom NABU gekürte Vogel des Jahres, der auch als global gefährdete Art auf der weltweiten Roten Liste steht – auf einer Stufe mit dem stolzen Kaiseradler oder dem prächtig-schillernden großen Hyazinth-Ara am Amazonas! Unser Jahresvogel 2020 ist zudem die einzige Taubenart, welche im Übereinkommen zur Erhaltung wandernder, wild lebender Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals) aufgeführt ist.

 

Textquelle: www.nabu.de, Veröffentlichung vom 11.10.2019

 

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